
Wer eine Photovoltaikanlage auf dem Dach hat oder plant, stellt sich früher oder später die Frage: Was passiert eigentlich bei einem Gewitter? Brauche ich Blitzschutz für meine PV Anlage, und wenn ja, welchen? Die Antwort hängt von mehreren Faktoren ab. Dieser Leitfaden erklärt, was gesetzlich vorgeschrieben ist, welche Schutzmaßnahmen sich wirklich lohnen und was sie kosten.
Ein direkter Blitzeinschlag in eine Photovoltaikanlage ist selten, aber die Gefahr durch Überspannungen in der Nähe ist deutlich größer als viele Hausbesitzer vermuten.
In Deutschland registriert der Blitz-Informationsdienst Siemens (BLIDS) jährlich mehrere hunderttauend Blitzeinschläge. Die Blitz-Statistik des GDV meldet dazu rund 220.000 Blitz- und Überspannungsschäden pro Jahr, also statistisch einen Schaden alle 2,5 Minuten. Die meisten davon entstehen nicht durch einen direkten Treffer, sondern durch Überspannungen, die sich über Leitungen und Photovoltaik Kabel ausbreiten.
Für PV-Anlagen ist genau das das eigentliche Risiko: Ein Blitz, der 100 oder 200 Meter entfernt einschlägt, kann über die Stromleitung oder die DC-Verkabelung der Solarmodule eine Überspannung erzeugen, die Wechselrichter, Stromspeicher und Haushaltsgeräte beschädigt oder zerstört.
Viele Hausbesitzer glauben, eine PV-Anlage auf dem Dach zieht Blitze an. Das stimmt so nicht. Solarpanels erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines direkten Einschlags nicht, da ihre Höhe über dem Dach zu gering ist. Problematisch ist aber die große Fläche der DC-Verkabelung, die wie eine Antenne für elektromagnetische Impulse wirkt.
Überspannungsschutz ist für Photovoltaikanlagen in Deutschland seit 2018 Pflicht, äußerer Blitzschutz hingegen nicht grundsätzlich.
Die Normen DIN VDE 0100-443 und DIN VDE 0100-534 wurden 2016 grundlegend überarbeitet und sind seit dem 14. Dezember 2018 verbindlich. Seitdem muss jede neue Photovoltaikanlage mit einem normgerechten Überspannungsschutz ausgestattet sein. Das gilt auch für wesentliche Änderungen oder Erweiterungen bestehender Anlagen.
Ob zusätzlich ein äußeres Blitzschutzsystem erforderlich ist, hängt von der individuellen Situation ab. Faktoren wie Gebäudehöhe, exponierte Lage und die Wertigkeit der installierten Technik spielen dabei eine Rolle. Wie beide Schutzsysteme genau funktionieren, erklärt der nächste Abschnitt.
Die wichtigsten Normen im Überblick:
Ein vollständiger Blitzschutz für eine PV Anlage besteht aus zwei Ebenen, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen und sich gegenseitig ergänzen: äußerer Blitzschutz und innerer Überspannungsschutz.
Der äußere Blitzschutz fängt einen direkten Einschlag ab und leitet den Blitzstrom kontrolliert ins Erdreich, bevor er Schäden anrichten kann. Er besteht aus drei Komponenten: Fangeinrichtungen auf dem Dach, zum Beispiel Fangstangen oder Fangdrähte, Ableitungen, also Metallkabel, die den Strom nach unten führen, sowie einer Erdungsanlage im Boden.
Ist bereits ein äußeres Blitzschutzsystem am Gebäude vorhanden, muss die PV Anlage normgerecht in dieses System eingebunden werden. Wird der Trennungsabstand zwischen Blitzschutzsystem und Solaranlage nicht eingehalten, sind zusätzliche Maßnahmen erforderlich.
Der innere Überspannungsschutz schützt Wechselrichter, Stromspeicher und weitere Geräte vor Spannungsspitzen. Diese entstehen nicht nur bei direkten Einschlägen, sondern auch wenn ein Blitz in der Nähe einschlägt und sich über Leitungen in die Anlage einkoppelt. Überspannungsschutzgeräte, kurz SPD (Surge Protective Device), erkennen diese Spannungsspitzen und leiten sie sicher ins Erdreich ab.
SPDs werden in drei Typen eingeteilt, je nachdem wo sie eingebaut werden und welche Energie sie ableiten müssen:
Bei einer PV Anlage wird der Überspannungsschutz sowohl auf der DC-Seite, also zwischen Solarmodulen und Wechselrichter, als auch auf der AC-Seite, zwischen Wechselrichter und Hausnetz, eingebaut. Welcher SPD-Typ genau erforderlich ist, hängt davon ab, ob ein äußeres Blitzschutzsystem vorhanden ist und wie lang die Leitungswege sind.
Ein Blitzeinschlag in oder nahe einer PV Anlage kann innerhalb von Millisekunden teure Schäden verursachen, auch wenn kein direkter Treffer erfolgt.
Es gibt zwei grundlegend verschiedene Szenarien. Beim Direkteinschlag trifft der Blitz die Solarmodule, die Verkabelung oder das Gebäude direkt. Dabei fließen kurzzeitig mehrere 100.000 Ampere durch die Anlage. Ohne äußeren Blitzschutz kann das Solarmodule, Wechselrichter und die gesamte Hausinstallation zerstören. Im schlimmsten Fall entsteht ein Brand.
Häufiger ist jedoch das zweite Szenario: Ein Blitz schlägt in der Nähe ein, zum Beispiel in einen Baum, einen Strommast oder in der Nachbarschaft. Dabei können über elektromagnetische Felder gefährliche Überspannungen in die Leitungen der PV Anlage einkoppeln. Diese Spannungsspitzen reichen aus, um empfindliche Elektronik dauerhaft zu beschädigen.
Ein typisches Schadensbild sieht so aus: Ein Blitz schlägt in der Nachbarschaft ein und zerstört über die Leitungen Wechselrichter und Wärmepumpensteuerung gleichzeitig. Der Gesamtschaden liegt in solchen Fällen schnell bei mehreren Tausend Euro, ohne dass die Anlage direkt getroffen wurde.
Gut zu wissen: Blitz- und Brandschutz hängen bei einer PV-Anlage eng zusammen. Denn wo ein Blitzeinschlag zu Überhitzung führt, droht im schlimmsten Fall auch ein Brand. Was das beim Thema Brandschutz konkret bedeutet und welche Maßnahmen sinnvoll sind, lesen Sie im Artikel: Brandschutz bei PV-Anlagen.
Die Kosten für Blitzschutz hängen stark davon ab, welche Schutzmaßnahmen bereits vorhanden sind und wie umfangreich die Anlage ist.
Der innere Überspannungsschutz ist die günstigste und gleichzeitig gesetzlich vorgeschriebene Maßnahme. Bei Neuanlagen ist er in der Regel bereits im Installationsumfang enthalten. Wer eine Bestandsanlage nachrüsten muss, sollte einen Fachbetrieb beauftragen.
Ein äußeres Blitzschutzsystem kostet deutlich mehr. Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus fallen für Fangeinrichtungen, Ableitungen und Erdungsanlage entsprechend höhere Kosten an. Wer beides kombiniert, also äußeren Blitzschutz und inneren Überspannungsschutz inklusive Potentialausgleich, muss bei einem Einfamilienhaus in der Regel mit Gesamtkosten zwischen 2.000 und 9.000 € rechnen.
Wer eine PV Anlage hat, die vor dem 14. Dezember 2018 installiert wurde, sollte prüfen, ob ein normgerechter Überspannungsschutz vorhanden ist. Fehlt er, ist eine Nachrüstung nicht nur aus Sicherheitsgründen sinnvoll, sondern auch relevant für den Versicherungsschutz.
Ob ein Blitz- oder Überspannungsschaden an der Solaranlage von der Versicherung reguliert wird, hängt maßgeblich davon ab, ob der normgerechte Überspannungsschutz vorhanden ist.
Grundsätzlich gilt: Schäden durch Blitzeinschlag an der PV Anlage können über die Wohngebäudeversicherung abgedeckt sein, da Photovoltaikanlagen je nach Versicherungsvertrag in der Regel als fester Gebäudebestandteil gelten. Überspannungsschäden an Haushaltsgeräten fallen dagegen typischerweise in den Bereich der Hausratversicherung. Welche Versicherung im Einzelfall greift, hängt vom jeweiligen Vertrag ab.
Wichtig zu wissen: Einige Versicherer setzen einen normgerechten Überspannungsschutz als Voraussetzung für die Regulierung voraus. Da dieser seit 2018 ohnehin gesetzlich vorgeschrieben ist, erwartet die Versicherung damit lediglich, dass die Anlage fachlich korrekt installiert wurde. Fehlt der Überspannungsschutz, kann das im Schadensfall zu Problemen bei der Regulierung führen.
Blitzschutz für eine PV Anlage ist kein Alles-oder-nichts-Thema. Der innere Überspannungsschutz ist seit 2018 Pflicht und schützt zuverlässig vor den häufigsten Schäden. Ein äußeres Blitzschutzsystem ist für die meisten Wohngebäude nicht vorgeschrieben, kann aber je nach Lage und Ausstattung sinnvoll sein. Wer jetzt seine Bestandsanlage prüft, den Versicherungsschutz klärt und im Zweifelsfall einen Fachbetrieb hinzuzieht, ist auf der sicheren Seite, bevor das nächste Gewitter aufzieht.
Hier finden Sie heraus, ob sich eine PV-Anlage auch für Ihr Haus lohnt:
Ja, ein fachgerecht installiertes Blitzschutzsystem sollte regelmäßig geprüft werden. Die Norm DIN VDE 0185-305 empfiehlt Inspektionsintervalle, die je nach Gebäudeklasse und Umgebung zwischen einem und vier Jahren liegen. Überspannungsschutzgeräte (SPDs) sollten nach einem Blitzereignis zusätzlich kontrolliert werden, da sie dabei verschleißen können.
Nein, das ist keine Arbeit für Laien. SPDs müssen korrekt dimensioniert und normgerecht eingebaut werden. Fehler bei der Installation können dazu führen, dass der Schutz im Ernstfall versagt oder die Anlage beschädigt wird. Die Nachrüstung gehört in die Hände eines zugelassenen Elektrofachbetriebs.
Nicht zwingend. Ein bestehender äußerer Blitzschutz am Gebäude muss für eine PV-Anlage angepasst und erweitert werden. Dachständige Solarmodule können das Schutzniveau verändern und müssen in das System einbezogen werden. Außerdem ist der innere Blitzschutz, also der Überspannungsschutz für die Elektrik der Anlage, in der Regel separat zu planen.
Blitzschutz bezeichnet das Gesamtsystem, das einen direkten Blitzeinschlag vom Gebäude fernhält oder sicher ableitet. Überspannungsschutz ist ein Teil davon: Er schützt die Elektronik vor indirekten Blitzwirkungen, also vor Spannungsspitzen, die über Leitungen in die Anlage gelangen. Beides zusammen ergibt einen vollständigen Schutz.
Ja, denn der häufigere Schadensfall ist nicht der direkte Einschlag, sondern die indirekte Überspannung durch Blitze in der Nähe. Diese kann selbst dann, wenn der Einschlag in der näheren Umgebung erfolgt, über Leitungen in die Anlage gelangen und empfindliche Wechselrichter oder Stromspeicher beschädigen. Überspannungsschutz ist daher unabhängig von der regionalen Blitzdichte sinnvoll.
Das hängt vom jeweiligen Vertrag ab. Manche Versicherer leisten auch ohne installierten Blitzschutz, andere kürzen die Erstattung oder lehnen sie ganz ab, wenn grobe Fahrlässigkeit festgestellt wird. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte die Police vor der Installation prüfen und im Zweifelsfall direkt beim Versicherer nachfragen.